FLÜSTERN :
wie bei 'STILLE POST' ging bei mir damals als Kind, und geht bei mir auch heute
GAR NICHT!

In den 70ern gab es noch kein Neugeborenen-Hörscreening.

So waren 4 Jahre seit meiner Geburt '70 vergangen, in denen ich alle Leute wohl mit großen Augen anschaute und ohne dass ich anfing zu lallen und den Erwachsenen nachzusprechen – 4 Jahre, in denen die Kinderärztin meinen Eltern immer wieder versicherte, ich sei Spätentwickler. "Das Reden kommt schon noch!"

Meine Eltern waren beide voll berufstätig, so dass ich - etwa mit 3,5 Jahren - in einen (Regel)Kindergarten kam. Dort stellte die Kindergärtnerin nach einiger Zeit fest, dass ich von hinten nicht ansprechbar war, und sie riet meinen Eltern, in die Beratungsstelle für hörgeschädigte Kinder zu gehen.

Dort stellte die HNO-Ärztin Frau Dr. Nowka die Diagnose: "Rechts hochgradige bis an Taubheit grenzende, links an Taubheit grenzende Schallempfindungsschwerhörigkeit. Schwere audiogene Dyslalie, schwerer Sprachentwicklungsrückstand."

Ich begann meine Welt mit einem Philips-Hörgerät auf dem rechten Ohr zu erkunden, was mir nicht leicht fiel. Zum Einen ein lästiges Gewicht, zum Anderen ungewohnte laute Geräusche musste mein Ohr ertragen. Ich habe sehr oft das Gerät vom Ohr gezogen und sehr oft unter den strengen Blicken der Eltern wieder aufsetzen müssen. Wenig später war ich binaural versorgt, nachdem ich mich an das eine Gerät gewohnt hatte. Fortan gehörten die Dinger nun auf beiden Ohren zu meinem Hörleben.

Ich ging im selben Jahr in den Sonderkindergarten für Hörgeschädigte, damals noch im Grünen Weg, später Wutzkyallee in Berlin-Britz. Noch viel später - meine ich - ist er in die Paster-Behrens-Str. gezogen, wo heute die Beratungsstelle für hörbehinderte Kinder und Jugendliche, das BBCIG e.V. und das Centrum für Cochlear Implant Rehabilitation (CIC) Berlin Brandenburg sind.

Sprecherziehung hörgeschädigter Kinder mit Waltraud Just (im Bild oben)Es begann nun für mich die (anstrengende) Phase der auditiv-verbalen Erziehung.

Ich verdanke meine ersten Spracherfolgschritte dem unermüdlichen Einsatz von Waltraud Just (†) und Beate Ehlers, die damals in den Jahren '74 bis '77 unsere Erzieherinnen im Sonderkindergarten waren.

Erst in späteren Jahren, im Erwachsenenalter, wurde mir bewusst, was die beiden Damen neben anderen Mitarbeiterinnen mit den Kindern trainiert haben. Kommunikationserziehung mit Telefon und dem Thema 'im Kaufmannsladen' (ich im Bild links)Es war eine auditiv-verbale Erziehung nach der Methode von » Susann Schmid-Giovannini, jedoch vermutlich nicht so rigoros wie das Training bei der Schweizer Pädagogin. Trotzdem ich mich nicht mehr genau entsinnen kann, wie der Sprechunterricht im Kindergarten ablief – muss ich wohl verdrängt haben –, wird es für ein Kind wohl nicht sehr lustig gewesen sein.

Ich kann heute mit ein paar wenigen 'Sprachfehlern' mit Guthörenden verbal kommunizieren. Dass ich eine an Taubheit grenzende Hörschädigung habe, wird mir erst nicht geglaubt. Ob es für mich gut ist oder schlecht, lasse ich an dieser Stelle erst einmal unkommentiert.

Die Grundschulzeit (mit 1 Jahr Vorschule) verbrachte ich in der Reinfelder Schule für Schwerhörige. Meine Einschulung fand just in dem Jahr statt, in dem auch die Schule eröffnet wurde. Es war eine Zeit der Geborgenheit, in der die Kinder volle Aufmerksamkeit mit Fokus auf ihre Hör- und Sprachentwicklung bekamen. Die durchschnittliche Klassengröße war etwa 10-12 Kinder. Damit konnte individuell auf die Leistung des einzelnen Schülers eingegangen werden.

Nach der 6. Klasse ging ich auf eine Regelschule, einem musischen Gymnasium, damals Erich-Hoeppner-, heute Berggruen-Gymnasium. Mein Klassenlehrer der Reinfelder Schule befand, dass ich sehr schnell lerne und ich an der Regelschule mehr aufnehmen könne. Ein großer Schritt, könnte man meinen.

Ich fand, dass der Wechsel für mich ein tiefer Abgrund war - psychologisch betrachtet. Mit einer Klassengröße von 33 Schülern und einer Tischordnung mit parallelen Reihen hintereinander kam ich nicht zurecht. Zwar wurde die Tischordnung für mich umgebaut – mit U-Form und einzelnen Parallelreihen innerhalb der U-Form, damit auch alle ihre Plätze bekamen, und ich saß vorn am U-Ende mit der Fensterseite im Rücken – aber das akustische Sprachverständnis war für mich zu keiner Unterrichtsstunde gegeben. Der Unterricht war zu 75% auf Diskussionsgesprächen aufgebaut, da hatte ich keine Chance: es waren einfach zu viele Kinder in einem großen Klassenraum, die durcheinander sprachen. Es fehlte auch zudem ein sehr wichtiges Detail: Ich hatte nicht gelernt, mit meiner Hörschädigung außerhalb der wohlbehüteten Grundschulwelt umzugehen, eine Taktik zur Vermittlung zwischen den Kindern und mir bzw. meinem Nichthören anzuwenden. Eine Aufklärung fand zwar durch meinen Vater statt, es wurden jedoch nur die Lehrer einmalig aufgeklärt - zu meiner Einschulung, und danach nie wieder. Eine regelmäßig wiederkehrende Hörtaktik-Schulung für Lehrer, Mitschüler und den Betroffenen (sowie ein Coaching für den B.) wäre -nach heutiger Sicht- vonnöten gewesen. Im ersten Jahr der gymnasialen Sekundarstufe I war mir eigentlich ein Ambulanzlehrer zur Seite gestellt, doch dieser hatte seine Zuständigkeit nicht in meiner Schule sondern bei sich in seiner Praxis in Form einer psychologischen Sitzung gesehen. Das hat mir gar nichts gebracht. Von den Lehrern bekam ich den Stempel einer 'sehr ruhigen Schülerin, die mehr aus sich herauskommen könnte'. An dieser Stelle dürften bei dem einen oder anderen Leser sicherlich Fragen aufkommen wie "Warum ist sie nicht zu einer der Einrichtungen wie dem Schwerhörigenverein gegangen" ... etc. Ich kann nur soviel dazu sagen: Ich war mittendrin im Geschehen - nämlich in der Anstrengung zu BESTEHEN - und mit der (nach heutiger Sicht nicht ganz richtigen) Taktik des Ambulanzlehrers im Rücken davon ausgegangen, dass ich diesen Weg in der hörenden Welt ALLEIN bestreiten MUSS. Anders kann ich es heute nicht wiedergeben: Ich hatte dieses unbestimmte Gefühl, dass ich nicht auf Hilfe zurückgreifen darf. Keine Ahnung, woher dieses Gefühl kam.

Einige gute Freundschaften habe ich während der Schulzeit dennoch geschlossen. Das half mir schon ein wenig, den harten Weg bis zum Abi zu überbrücken!

Der Punkt "Musik & Kunst" müsste eigentlich heißen: "Musik kontra Kunst"!

Ich kam ja nun an dieses Gymnasium, da für mich als Wahlpflichtfach der Kunstunterricht anstand, der für mich visuell geprägter Mensch eigentlich eher in Frage kam. Bloß konnte ich den Kunstlehrer nicht leiden - überhaupt nicht!

Die Alternative war der Musikunterricht. Nur: der Musiklehrer hatte seine berechtigte Zweifel was meine (Hör)fähigkeit betrifft. Was er zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Ich hatte bereits mit 9 mir selbst Musiknoten beigebracht an einer Bontempi-Plastikorgel. Bei einer Freundin spielte ich auf deren Klavier Richard Clayderman's 'Ballade pour Adeline'. Diese wiederum meinte, ich sollte unbedingt Klavierunterricht nehmen – was ich beherzigte. Ich hatte also bereits Robert Schumann's 'Kinderszenen', Mozart's 'Ah, vous dirai-je, Maman' und J.S. Bach's 'Inventionen' in meinem Repertoire, als ich mich entschloss, gegen Kunst und für die Musik zu stimmen. Den Musiklehrer konnte ich überzeugen, nachdem ich mich mit einer kleinen Komposition einer Begleitung zu einer Melodie-Vorgabe unter Beweis stellen konnte.

Bis zur 10. Klasse hatte es mit Musik gereicht, solange es Musiktheorie und Notenlesen war. Bei den Tests bekam ich zum Teil einen Extra-Fragebogen, da auch Musikhören zur Prüfung gehörte. An der Sekundarstufe II wechselte ich dann doch auf Kunst als Leistungskurs über, da Musikinterpretieren rein nach Gehör nicht mehr meine Hörwelt war.

Mein Beruf heute?

selbst+ständige Grafik-Designerin mit Sinn für Webprogrammierung.

» MEDItangens